iq style magazine Vienna
Report by Romy Uebel - IQ STYLE MAGAZINE 2005
Schwäche? Was soll das sein?
Von Slackern hält Haman Sutra nicht viel, Jammern gilt nicht und ohne Arbeit wäre sein Leben sinnlos. Der Afro-Perser aus Bayern, wie er sich selbst am liebsten bezeichnet, hat im renommierten Central St. Martins College in London studiert, für die Kleiderkasse der Bundeswehr geschneidert, Ko-ops mit Nike und MTV gerockt. Die Fashionszene sieht er radikal. Und geht mit seinem Label deshalb den anderen Weg.
“Einige meiner Kommilitonen in London waren nach dem Diplom die totalen Fracks, hatten Allergien, waren ausgemergelt, manche landeten in Therapie. Die Central St. Martins gibt Dir die Last mit auf den Weg, ein Star zu werden.“ Haman Sutra wirkt angewidert, ein wenig mitleidig, wenn er von den „Prostituierten“ unter den Schülern spricht. Sie taten alles dafür, um mit kommerziell gefälligen Kleidern in die Headhunter-gepflasterte Abschlussshow der weltweit besten Mode-Uni zu kommen.
Er selbst entwarf eine konzeptionelle Kollektion für weibliche Bodybuilder, inspiriert von Cyborgs, geschneidert aus Luftdruckschutzanzügen von Raumfahrtpiloten. Hübsch? Nein, hübsch sollte das nicht sein. Hamans Arbeit hat einen Hang zum Martialischen, er verehrt athletische Körper und geprägt von der persischen Kultur und seiner Begeisterung für altertümliche Monarchien, stellt am liebsten Gewänder her, die fast schon eine Bedienungsanleitung benötigen.
„Der Ritualcharakter von Kleidung ist mir wichtig. Man soll darüber nachdenken, was man trägt. Ich liebe Dinge, die man entdecken, ausprobieren muss.“
Kontrollfreak, Perfektionist, Workaholic, Macher, Verbesserer – der 28jährige Haman lebt diese Attribute und wenn Freunde ihm raten „sich doch mal locker zu machen“, bekommt er Fragezeichen in den Augen. Denn für ihn bedeutet Arbeiten sich zu entspannen, sich zu verwirklichen. Dafür lebt der in Teheran geborene und in New York und München aufgewachsene Perser. Als 15jähriger bricht er die Schule ab, um an einer Grafikakademie seine Leidenschaft des Zeichnens und Illustrierens weiter zu entwickeln. Hip Hop, Breakdance und Graffiti halten Einzug in sein Leben, er sprayt, wird verhaftet, sprayt weiter und macht sich einen Namen in der Szene.
In dieser Zeit beginnt auch seine Karriere als DJ, animiert von seinem älteren Bruder legt er Soul, Funk und Hip Hop auf. „Der Job als DJ ist ein Geschenk. Ich mache das bis heute. Man kann großartig Leute beobachten, ihren Style studieren und Einfluss auf die Stimmung der Menschen haben. Für mich ist das eine große Verantwortung. Als DJ bist du dafür zuständig, dass jemand anderes einen guten Abend verlebt.“
Ein Teil der abgerockten Feiercrowd wird Haman nicht. Bis heute versteht er die Leute nicht, die sich von Drogen, Alkohol und Kippen ein Stück ihrer selbst rauben lassen. „Ich belohne meinen Körper mit gesundem Essen, Sport, genügend Schlaf, boxe gerne und gehe spazieren. Ich muss fit sein, auch mental, um noch mehr arbeiten zu können. Ich könnte permanent produzieren.“ Seinen gesunden Kopf kauft man Haman ab, er wirkt selbstreflektiert und umsichtig, permanent scheinen Ideen und neue Projekte in seinem Kopf zu rotieren. „Man kreativ und spleenig sein kann, ohne dabei unprofessionell zu sein!“ Davon ist er überzeugt.
Diese Professionalität lernt Haman zwangsläufig in seinem ersten Job in einer der angesehensten Werbeagenturen in Hamburg. Ohne Praktikum und Testlauf engagiert man den gerade mal 21jährigen. Dann heißt es: Schwimmen! Im verdammt kalten Wasser der Industrie. Gemeinsam mit Art und Creative Directors, Projektmanagern, Reinzeichnern und Budgetplanern sitzt er an einem Tisch und bearbeitet Aufträge von Kunden wie BMW, Audi, der Post oder der Deutschen Bahn. 14 Stunden-Tage sind die Regel. Privatleben? Fehlanzeige. „Die Zeit hat mich sehr geprägt. Da musste ich richtig bluten. Im Nachhinein bin ich dankbar für die Erfahrungen und habe sehr viel mitgenommen.“
Nach einem Jahr entschließt sich Haman auszusteigen, wieder zu studieren.
Zum Abschied schenkt er seinem Chef ein selbstgemachtes Büchlein mit dem Titel„Was ich schon immer über Grafikdesign wissen wollte, und nie zu fragen wagte.“ Ein Anreiz, nach ihm kommenden Neuanfänger eine kleine Hilfestellung an die Hand zu geben. Fünf Jahre später erfährt Haman durch Zufall, dass sein kleines Essay ausschlaggebend für ein gedrucktes Handbuch für Frischlinge der Agentur wurde…
Von Hamburg geht es nach London und das Kapitel „Modedesign“ wird geöffnet. Mit einem Stipendium gepolstert, landet Haman nach einem einjährigen Umweg über das London College of Fashion im zweiten Semester für Fashion Marketing des Elitehorts St.Martins. „Die Dozenten sind großartig und holen das Letzte aus dir raus. Diese Zeit hat mir aber auch klar gemacht, was ich alles nicht will. Manchmal kam es mir vor, wie an einer Schauspielschule. Viele Studenten waren derart affektiert, verherrlichten die Branche und hatten in meinen Augen total verquere Vorstellungen.“ Seine studienbegleitenden Praktika macht er deshalb nicht in den obligatorischen Chi-Chi-Schmieden, sondern geht zur Kleiderkasse der Bundeswehr – als erster Praktikant nach 35 Jahren.
„Militäreinflüsse spielen eine große Rolle bei meinen Entwürfen. Nur Kopieren reichte mir nicht, ich wollte selbst recherchieren, die Sachen spüren und alles verstehen.“
Vier Monate lang ändert er Uniformen von Kapitänen, Piloten und Panzerfahrern, kramt in Archiven und studiert die Bedeutung von Rangabzeichen. Parallel assistiert er zwei Monate jeden Abend im Studio des Designers Kostas Murkudis, der ehemals rechten Hand von Helmut Lang. Danach folgen vier Monate als Kostümassistent an der Bayrischen Staatsoper. Geld sieht Haman für keines der Praktika, seinen Unterhalt finanziert er mit Grafikjobs, unter anderem für NIKE.
“Für mich stellt die Arbeit für etablierte, kommerzielle Labels keinen Widerspruch zu meiner sehr künstlerisch geprägten Arbeit dar. Ich scheue Kommerzialität nicht, aber nicht um jeden Preis. Wer Haman bucht, muss mit Haman leben.“
Eine Einstellung, die er heute, nach Abschluss seines Studiums und zurück München, weiter vertritt. Zum Sell-Out-Nigger in einem der großen Modehäuser zu werden, stand für ihn nie zur Debatte, denn Freiheit und Selbstentfaltung sind ihm wichtig. Seit Anfang des Jahres verdient er einen Teil seiner Brötchen als Dozent an der Münchner Blocherer Schule im Fach freie Gestaltung, der Rest finanziert sich bestens über Kooperationen und Freelance Jobs als Universal Designer – wie Haman sich heute sieht.
„Ich weis, dass ich lange nicht da bin, wo ich gerne wäre.
Ich muss noch viel lernen, experimentieren, meinen Stil verfeinern. Aber man muss schließlich auch von etwas leben.“
Mit dieser Arbeitsweise der wechselnden Jobidentität steht Haman stellvertretend für ein neues Selbstbewusstsein des Designnachwuchses. Immer mehr junge Talente finanzieren ihren Traum auf anderen Wegen und verweigern sich der Maschinerie der Majors, die das Potenzial der Kreativen nicht allzu selten ausbeuten, um sie dann fallen zu lassen. Denn dass die verheißungsvolle Glamourwelt des Modebusiness in der Realität oftmals so sexy ist wie die Maschinen- oder Lebensmittelindustrie ist lange kein Geheimnis mehr.
“Es gibt so viel Fake in der Branche. Persönlich nervt mich besonders dieses Profit- und Effizienzdenken: Sparen um jeden Preis. Bevor ich auf den perfekten Knopf für ein Outfit verzichten muss, mache ich es lieber gar nicht. Viele beklagen sich, dass die Modewelt so kompliziert sei. Warum bitte schön, kann man denn nicht eine neue Modewelt erschaffen, in der Qualitätsdenken und Rückrad an der Tagesordnung sind?“
Mode im klassischen Sinne macht Haman nicht, denn Kleidern, deren Halbwertszeit auf eine Saison begrenzt ist, weil gewiefte Marketingexperten bereits den neusten Trend heraufbeschwören, interessieren ihn nicht. „Karl Lagerfeld sagt, er könne nur sechs Monate voraus denken. Ich möchte mir lieber eine Kollektion für das Jahr 2030 vorstellen“, erklärt er inbrünstig. Und so wirken die Entwürfe des Haman Sutra tatsächlich wie aus einer fernen Zukunft. Ob das surreale Kostüm der Geiz-ist-Geil-kreischenden Werbefigur Blue oder das futuristische Outfit von Sängerin Sonique im neuen Video „Why“ – beide Designs entstammen Hamans Kopf – und der ist nun mal ein ganzes Stück voraus. München kann und soll deshalb nur eine Zwischenstation, oder wie Haman es nennt, eine „Reha von der harten Zeit in London“ sein.
Momentan arbeitet er an einer T-Shirt-Kollektion mit Prints seiner abstrakten Gewandentwürfe, die seine visionsgeladene Welt einer breiteren Zielgruppe zugänglich machen soll. Hören und sehen wird man von der impulsiven Ausnahmeperson Haman Sutra sicherlich noch Einiges.
Ob man ihn völlig versteht, ist eine andere Frage…
